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„Wo ist das verdammte Geld?“, brüllte er. *

Ernst hatte nach dem Aufstehen so lange vor dem Badspiegel an der Tonlage gefeilt, bis er nicht mehr über sich selbst lachen musste. Als er dann die kleine Bankfiliale betrat und sich dem einzigen Schalter näherte, fühlte er sich schon unbesiegbar. Er zückte seine Pistole und brüllte den geübten Satz. Doch der Angestellte ignorierte ihn, kaute unbeirrt Kaugummi und stellte das Radio lauter. Adios heißt auf Wiederseh’n, sangen die Flippers. Ernst wiederholte seine Forderung, seine Stimme zitterte. Der Angestellte öffnete den obersten Knopf an seinem Hemd und kratzte sich.

»Wir haben gerade unsere Seniorenwoche«, sagte er, »wenn Sie heute ein Girokonto bei uns eröffnen, schenken wir Ihnen dazu einen Picknickkorb.«

Ernst ließ die Waffe sinken. Unter seinen Achseln hatten sich längst große Schweißflecken gebildet und er wusste nicht, wie er weiter vorgehen sollte. Ein weiterer Kunde betrat die Filiale und Ernst zog sich schnell die Maske vom Kopf.

»Warum haben Sie nicht auf mich gehört?«

»Mein Sohn hat die gleiche Pistole«, sagte der Angestellte und reichte ihm eine Schale Bonbons.

Ernst winkte ab, fuhr sich über die Glatze und sah beschämt zu Boden.

»Keine Sorge, ich werde sie nicht verpfeifen. Drei Straßen weiter ist ein Buchladen, warum kaufen Sie sich nicht einfach einen guten Krimi?«

 

* Der erste Satz stammt von Martin Gaiser von der Buchhandlung Bücherpunkt.